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Mission

Die Logik des Gelingens

Eine Skizze von Georg Hans Neuweg, weiterentwickelt im Gespräch mit Fritz Böhle, Jörg Markowitsch und Tasos Zembylas.

Der Begriff des „impliziten Wissens“ wird mittlerweile inflationär verwendet. Wir verfolgen eine besondere Perspektive: FORIM wendet sich an Forscherinnen und Forscher, die sich für das Studium menschlicher Könnerschaft interessieren. Elf Leitbegriffe sollen verdeutlichen, was uns daran fasziniert.

Fuzzyness.

Fuzzyness bezeichnet die Anforderungsstruktur der Situationen, für deren Bewältigung Könnerschaft erforderlich ist. Zwar kennzeichnet der Begriff des impliziten Wissens häufig Routinen und Gewohnheiten oder Bestände eines von allen Menschen in einer bestimmten Kultur geteilten Hintergrundwissens. Wir interessieren uns aber für schwierige Herausforderungen, die nicht ohne fokussierte Aufmerksamkeit zu bewältigen sind, sondern die es erfordern, ganz bei Sache zu sein.

Fuzzyness begegnen wir im Alltag etwa dann, wenn uns bestimmte Verkehrssituationen erhöhte Aufmerksamkeit abverlangen. Besonders deutlich tritt Fuzzyness bei Fachleuten, Experten oder Berufssportlern in Erscheinung. Jede strategische Managemententscheidung ist fuzzy, weil Manager niemals über alle entscheidungsrelevanten Informationen verfügen können. Auch die Einschätzung von möglichen Wetterumschwüngen für Höhenbergsteiger ist fuzzy, wenngleich der Prognosezeitraum in diesem Fall weitaus kürzer ist. Die Unschärfe von Situationen wird bei medizinischen Diagnosen, die vor allem auf den Sehsinn ausgerichtet sind, geradezu bildlich – etwa wenn Radiologen Röntgen- und Ultraschallbilder lesen oder bei der Diagnose von Hautkrebs. Die computerunterstützte Radiologie scheint dabei die Grenzen der Algorithmisierbarkeit beständig auszudehnen und Computer sind Ärzten im Erkennen von Hautkrebs anhand von Fotos zumindest ebenbürtig.

Wir bezeichnen diese Anforderungsstruktur der Situationen, deren Bewältigung Könnerschaft voraussetzt, als fuzzy, als unscharf. Sie sind planmäßig-rational nicht bewältigbar.

Fuzzyness hat verschiedene Facetten, von denen mindestens eine, meist mehrere die Situation kennzeichnen: Unbestimmtheit durch offene oder multiple Ziele, unklare Informationslage aufgrund fehlender, unscharfer oder in ihrer Fülle erdrückender Information, Ambiguität des Arbeitsauftrages, Ungewissheit, Komplexität, Einzelfallbezogenheit, Instabilität, Zeitdruck.

Mastery.

Mastery kennzeichnet das spezifisch menschliche Vermögen, Herausforderungen des eben beschriebenen Typs meisterhaft zu bewältigen. Sie ist eingelassen auch in alltägliche Praktiken, mit ihr ist aber herausgehobene Expertise benannt. Situationen, die Können erfordern, konstituieren immer ein Unterfangen, ermöglichen ein Gelingen und bergen das Risiko des Scheiterns. Die hier angesprochene Könnerschaft beruht auf einem ganzheitlichen, praktischen Verstehen dessen, was eigentlich geleistet werden muss, und der Fähigkeit, dieses auch tatsächlich zu leisten. Können in diesem Sinne ist daher auch, aber nicht nur praktisches Geschick im Sinne einer techne, sondern immer auch die Hinwendung zu den richtigen Zielen im Sinne einer phronesis.

Dialogue.

Könnerschaft ist mit den herkömmlichen handlungstheoretischen Kategorien – hier „echtes“ planvolles Handeln, dort „bloßes“ routinehaftes Verhalten – nicht zu fassen. Der Normalmodus menschlichen Könnens begründet eine dritte, explorative, interaktive und dialogische Handlungsform, in der Entscheidung und Handlung nicht getrennt sind. Sie ist quasi-reflexiv, insofern Reflexion hier nicht als intellektuelles Abstandnehmen und Heraustreten aus der Situation, sondern als Momentum des Handelns selbst auftritt. Im Handeln wird entschieden, in der Entscheidung gehandelt.

Der Aspekt des Dialoges mit der Situation lässt sich über die Attribute „intuitiv-improvisierend“, „künstlerisch“ und „situiert“ näher beschreiben.

Mood.

Könner sind in einer spezifischen, fragilen Weise auf die Situation eingestimmt und pflegen nicht selten Rituale des Sicheinstimmens. Obwohl Könnerschaft sich dem Wagnis des Scheiterns aussetzt und der Könner sich objektiv in Unsicherheit begibt, ist seine Haltung vertrauensvoll. Die Verausgabung von Könnerschaft ist ein Ganz-bei-der-Sache-sein. Entlang der Haarlinie des Gleichgewichts von Beanspruchung und Können paart sich höchste Konzentration mit Gelassenheit und wird zum Flow. Wesentliches phänomenologisches Kennzeichen ist Subjekt-Objekt-Verschmelzung. Vorausgesetzt sind Achtsamkeit, Commitment und Engagement.

Corporeity and sensuality.

Könnerschaft ist eng mit Wahrnehmung und Leiblichkeit verbunden. Unsere Sinne sind die Schnittstellen in die Situation hinein. Sie werden dabei nicht wie technische Instrumente genutzt, die möglichst objektiv Informationen sammeln, welche „der Geist“ anschließend interpretiert. Vielmehr ist das Wahrgenommene selbst immer schon bedeutungsvoll, wir nehmen spürend wahr. Es „tut weh“, wenn etwas falsch läuft, ein Geräusch wird als „rund“ oder „schräg“ wahrgenommen, ein gelungenes Ergebnis wirkt „stimmig“. Gestaltbildung spielt eine zentrale Rolle. Das aktuell Wahrnehmbare wird durch zusammenhängendes Unsichtbares ergänzt, man sieht mehr, als zu sehen ist, und kann sich aus disparaten Informationen ein „Bild“ machen. Bis in die „geistigsten“ Formen der Könnerschaft hinein spielen Körpermetaphern in der Sprache der Könner eine Rolle.

Tacitness.

Das Schweigen der Könner ist nicht absolut. Aber die Kommunikation unter ihresgleichen bleibt von außen oft weitgehend unverständlich und will ethnografisch erschlossen werden. Und vor allem: Die rationalistisch motivierte Frage nach den Wissensgrundlagen des Könnens, insbesondere jene nach angewandten Regeln, und die Frage nach dem Inhalt innerer Selbstbefehle, bleibt unbeantwortet oder motiviert verschiedene Formen der Ex-post-Rationalisierung. Befragung löst oft aus, dass der Könner die Hingerichtetheit auf die Situation aufgibt und sich in den Modus der Selbstbeobachtung begibt. „Wie bindet man eine Krawatte?“ – „Warte, ich muss es nochmals tun, und sage es dir dann.“

Opacity and informality.

Können bleibt für den äußeren Beobachter undurchsichtig und entzieht sich der Formalisierung. Regeln und Regelsysteme bleiben Annäherungen und verfehlen immer den Modus des Könnens. Auch dort, wo Können als Einhalten von Regeln beschrieben werden kann, ist es kein Befolgen dieser Regeln. Die Interpretationsbedürftigkeit aller Regeln, die Kontextualität des Könnens und das Insistieren des Könners darauf, dass es auf den konkreten Einzelfall ankomme – „Es kommt immer darauf an.“ – sind Verweise auf die essentielle Nichtformalisierbarkeit menschlicher Könnerschaft.

Experience and intimacy.

Tacitness und opacity begründen didaktisch gewendet Nichtinstruierbarkeit. Könnerschaft ist die Frucht der Erfahrung, die intime Fühlung mit dem Gegenstand setzt eine Vertrautheit voraus, die durch Instruktion nicht beliebig rasch herstellbar ist. Der Könner als Lehrer ist nicht gänzlich sprachlos, aber es sind die Gesten des Zeigens und Vorzeigens, die das Herzstück seiner didaktischen Interventionen bilden. Gleichwohl steht der Begriff der Erfahrung nicht nur für einen nur begrenzt artikulierbaren Besitz, sondern zugleich für ein Haltung: für die Öffnung für etwas noch nicht bzw. wenig Bekanntes, für ein Ausprobieren dessen, was möglich ist (empeiria; aus dem Versuch, aus dem Probieren).

Understanding and assessment.

Die Wahrnehmung von Könnerschaft beruht auf subtilem Verstehen. Die Beurteilung meisterhafter Leistungen durch objektive Tests stößt an Grenzen. Voraussetzung für jedes assessment ist zunächst intime Kenntnis des Gegenstandes, sodann variantenreiches Konstruieren von Bewährungssituationen und einfühlendes Verstehen.

Fluidity.

Könnerschaft ist knowing. Knowledge ist nicht einfach nur Beschreibung von knowing, sondern Einfrieren von Praxis. Versuche der Befestigung des Könnens in Verfügungsabsicht verändern dieses wesentlich. Sie behindern Anpassung an die Situation und Lernen. Deshalb hinkt das Tagebuch immer hinterher, so wie das Organisationshandbuch immer hinterher hinkt.

Sociality.

Jede Praxis und in der Folge jeder Form von Wissen, ob explizit oder implizit, theoretisch oder praktisch, sind gemeinschaftlich verankert, also Produkte gemeinsamer Anstrengungen und Gegenstand von Aushandlungsprozessen über ihren Wert und ihre Richtigkeit. Können als Phänomen ist folglich immer auch in seiner soziale Einbettung und Manifestation zu erfassen. Diese Einsicht negiert nicht die Personengebundenheit von Könnerschaft; gleichwohl sind Lernprozesse, Wissenssysteme, Erfahrungsmöglichkeiten, Artefakte und Diskurse gesellschaftlich organisiert. Das ergibt eine rekursive Beziehung zwischen Handlungsfähigkeit und Gesellschaft, Könnerschaft und Praxis.

Conclusion and impact.

Unsere Sichtweise hat Folgen. Herausgehobene Felder, für die wir Schlussfolgerungen ziehen wollen, sind Arbeit, Organisationsgestaltung und Bildung.

Gamlitz, 11. Juli 2015

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